Im Gespräch mit Gregor Stehle

Herr Stehle, viele Künstler sprechen über Inspiration. Wie beginnt bei Ihnen ein Bild?

Mit einem leeren Blatt.

Das klingt zunächst einfach, ist aber vielleicht der wichtigste Teil meiner Arbeit. Morgens hängt ein weißes Blatt an der Wand. Es begleitet mich durch den Tag. Manchmal mehrere Tage. Manchmal Wochen. Ich betrachte es nicht als Aufgabe, die gelöst werden muss, sondern als Gegenwart.

Ich gehe nicht ins Atelier mit der Vorstellung, dass heute ein Bild entstehen muss. Es gibt keinen Entwurf, kein Motiv und keine Skizze. Das Blatt bleibt offen. Und manchmal bleibt es leer.

Leere scheint in Ihrer Arbeit eine wichtige Rolle zu spielen.

Ja. Die Leere ist nicht der Zustand vor dem Bild. Sie ist Teil des Bildes.

In unserer Kultur wird Leere oft als Mangel verstanden. In der asiatischen Malerei oder in der Zen-Tradition besitzt sie eine andere Qualität. Dort ist Leere ein Raum der Möglichkeiten. Ein Raum, in dem etwas entstehen kann.

Mich interessiert nicht die Füllung der Fläche. Mich interessiert, was zwischen den Dingen geschieht.

Ihre Arbeiten tragen keine Titel, sondern lediglich ein Datum. Warum?

Weil das Datum ehrlich ist.

Ein Titel erzeugt oft eine Erwartung. Er lenkt den Blick. Das Datum sagt lediglich: An diesem Tag ist dieses Blatt entstanden.

Viele Menschen fragen, was ein bestimmtes Bild bedeutet. Ich kann darauf meist keine eindeutige Antwort geben. Das Bild ist kein Rätsel mit einer Lösung. Es ist eine Spur eines Tages.

Darum heißt die Serie auch „Tage und Zeichen“.

Sie haben einmal gesagt: „Andere schreiben Tagebuch. Ich male.“

Das beschreibt die Arbeit ziemlich gut.

Ein Tagebuch hält Ereignisse fest. Meine Bilder halten nichts fest. Trotzdem haben sie etwas mit Zeit zu tun. Sie entstehen aus einem bestimmten Tag heraus. Aus einer bestimmten Stimmung, einer Wahrnehmung, einer Aufmerksamkeit.

Nicht als Abbild des Tages, sondern als Spur seiner Gegenwart.

 

Viele Betrachter empfinden Ihre Arbeiten als meditativ. Ist Zen der Schlüssel zum Verständnis Ihrer Kunst?

Nein.

Zen erklärt die Bilder nicht.

Die zehn Jahre, die ich in einem Zen-Kloster gelebt habe, sind für mich keine künstlerische Methode. Sie haben meine Art zu sehen verändert. Vielleicht auch meine Art zu arbeiten. Aber Zen liefert keine Bildsprache.

Beim Malen versuche ich gerade, Vorstellungen loszulassen. Es geht nicht darum, etwas Besonderes auszudrücken. Es geht darum, aufmerksam zu sein.

Wie äußert sich diese Aufmerksamkeit im konkreten Arbeitsprozess?

Vor allem im Warten.

Viele Menschen stellen sich vor, dass Kunst durch Aktivität entsteht. Für mich besteht ein großer Teil der Arbeit darin, nichts zu tun.

Ich sitze vor einem Blatt. Schaue. Gehe wieder weg. Komme zurück. Tage können vergehen.

Und dann gibt es einen Moment, in dem klar wird: Jetzt.

Dann dauert das eigentliche Malen oft nur wenige Minuten.

Sie arbeiten mit Acrylfarbe, Wachsstiften, Klebebändern und einfachen Materialien. Warum?

Weil mich Materialien interessieren, die direkt sind.

Ich suche keine Perfektion. Mich interessiert die Spur. Ein Wachsstift kann genau die richtige Qualität besitzen. Ein Klebeband ebenso. Ein Kratzer in der Farbe manchmal mehr als eine ausgearbeitete Form.

Die Materialien sollen nicht beeindrucken. Sie sollen wirken können.

Der Galerist Carsten Lehmann hat den Begriff „attraktorale Kunst“ geprägt. Was bedeutet das für Sie?

Als ich den Begriff zum ersten Mal hörte, war ich überrascht. Gleichzeitig erkannte ich etwas darin wieder.

Ein einzelner Strich, ein Farbfleck oder eine kleine Form stehen nie allein auf der Fläche. Sie treten in Beziehung zueinander. Sie erzeugen Spannung. Sie ziehen Aufmerksamkeit an.

Der Raum entsteht dadurch nicht durch Perspektive oder Komposition im klassischen Sinn. Er entsteht durch Beziehungen.

Vielleicht beschreibt der Begriff genau diese Dynamik.

Dann ist Raum ein zentrales Thema Ihrer Arbeit?

Ja.

Mich interessiert Raum mehr als Form.

Ein Bild ist für mich kein Fenster zur Welt. Es ist ein Raum, der sich zwischen den Elementen öffnet. Zwischen Farbe und Leere. Zwischen Nähe und Distanz. Zwischen Bild und Betrachter.

Deshalb können selbst kleine Eingriffe die gesamte Wirkung verändern.

Gibt es philosophische Einflüsse auf Ihre Arbeit?

Natürlich lese ich Philosophie. Mich interessieren Autoren wie Heidegger, François Jullien oder Hermann Schmitz. Auch Peter Sloterdijk hat mich beschäftigt.

Aber diese Gedanken entstehen nicht während des Malens.

Philosophie hilft mir eher, über Erfahrungen nachzudenken, die bereits gemacht wurden. Das Bild kommt zuerst. Die Theorie kommt später.

Wo würden Sie Ihre Arbeit kunsthistorisch verorten?

Das ist schwer zu beantworten.

Ich fühle mich der chinesischen Malerei verbunden, weil dort die Leere aktiv ist. Die Art Brut interessiert mich wegen ihrer Unmittelbarkeit. Die Arte Povera wegen ihrer Einfachheit der Mittel.

Auch Künstler wie Rothko oder Twombly haben mich begleitet.

Gleichzeitig versuche ich nicht, irgendwo dazuzugehören. Jede ernsthafte künstlerische Arbeit muss letztlich ihren eigenen Weg finden.

Was macht für Sie ein gelungenes Bild aus?

Dass es offen bleibt.

Ein Bild ist für mich gelungen, wenn es nicht erklärt werden muss. Wenn es eine eigene Präsenz entwickelt. Wenn man davorstehen kann und spürt, dass etwas geschieht, ohne es sofort benennen zu können.

Was wünschen Sie sich von den Menschen, die Ihre Arbeiten betrachten?

Zeit.

Mehr nicht.

Wir leben in einer Welt, in der Bilder meist sehr schnell konsumiert werden. Meine Arbeiten funktionieren anders. Sie brauchen keinen langen kunsthistorischen Hintergrund. Aber sie brauchen Aufmerksamkeit.

Wer bereit ist, einen Moment länger zu verweilen, entdeckt oft Dinge, die beim ersten Blick verborgen bleiben.

Was ist Kunst für Sie?

Vielleicht eine Form der Begegnung.

Nicht zwischen Künstler und Publikum. Sondern zwischen Mensch und Welt.

Ein Bild muss nichts beweisen. Es muss nichts erklären. Es darf einfach da sein.

Manchmal genügt ein einzelner Strich, um einen Raum zu öffnen.

Und manchmal genügt dieser Raum.